«Ayurveda erklärt – Yoga lässt uns spüren.»
Interview mit Ayurveda-Spezialistin Mangal Gress aus München

Yoga Übungen im Garten

Mangal Gress ist vom 07. bis 10. Mai 2026 im Giardino Ascona zu erleben – mit ihrem Retreat «Essence of Balance», das Raum schafft für neue Klarheit, Regeneration und eine bewusste Verbindung zu sich selbst.

Sie verbinden Ayurveda und Yoga… Was haben diese beiden Traditionen gemeinsam?

Für mich gehören Ayurveda und Yoga untrennbar zusammen, weil sie aus derselben philosophischen Wurzel stammen.

Beide sind jahrtausendealte Lehren aus Indien und können als Schwestern-Disziplinen verstanden werden.

Ayurveda beschreibt die Prinzipien des Lebens und der Gesundheit – Yoga ist der praktische Weg, diese Prinzipien im eigenen Körper erfahrbar zu machen.

Oder anders gesagt: Ayurveda erklärt, was wir brauchen – Yoga lässt uns spüren, ob es wirklich stimmt.

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der viele Menschen den Bezug zu ihrem eigenen Körper verloren haben, obwohl er uns ständig Signale sendet.

Im Alltag sind wir oft getrieben – von Terminen, Erwartungen und äußeren Anforderungen – und entfernen uns dadurch immer mehr von unserer inneren Wahrnehmung.

Genau hier setzen Ayurveda und Yoga gemeinsam an:

Sie bringen uns zurück in den Kontakt mit uns selbst und schaffen wieder Zugang zu einer leisen, klaren Form von Selbstwahrnehmung.

„Essence of Balance“ – was bedeutet Balance für Sie?

Balance ist für mich kein Zustand, den man einmal erreicht und dann hält.

Es ist ein fortlaufender Dialog mit sich selbst.

Im Ayurveda geht es dabei nicht um Verzicht, sondern um Bewusstsein und Bereicherung.

Es geht nicht darum, Dinge wegzunehmen, sondern sie so einzusetzen, dass sie uns wirklich guttun.

Viele Menschen suchen Balance im Außen – durch feste Routinen oder vermeintlich „richtige“ Ernährung.

Aber echte Balance entsteht, wenn wir beginnen zu verstehen, was wir individuell brauchen.

Ich habe selbst erlebt, wie schnell man sich im Tun verlieren kann – auch im „gesunden“ Tun.

Balance bedeutet für mich heute, zu erkennen, wann mir Struktur hilft und wann ich loslassen darf.

Und genau darin liegt für mich die Essenz von Ayurveda:

nicht strenger zu leben, sondern bewusster – und dadurch oft auch leichter.

Wie verändert das Wissen über Doshas den Blick auf den eigenen Körper?

Der Blick auf die Doshas nimmt für mich vor allem eines: Druck. Plötzlich geht es nicht mehr darum, alles „richtig“ zu machen, sondern zu verstehen, dass wir alle unterschiedlich sind – und dass das, was für den einen gut ist, für den anderen nicht unbedingt passend sein muss.

Die Doshas geben uns eine Art Landkarte für den eigenen Körper. Sie helfen zu verstehen, warum wir auf bestimmte Dinge sensibel reagieren, warum wir bestimmte Bedürfnisse haben und warum unser Körper sich manchmal so verhält, wie er es tut.

Viele meiner Teilnehmer erleben zum ersten Mal, dass ihr Körper nicht kompliziert ist, sondern logisch.

Dass Symptome keine Störung sind, sondern eine Form von Kommunikation.

Und genau darin liegt etwas sehr Entlastendes:

Man beginnt, sich selbst nicht mehr zu bewerten, sondern besser zu verstehen.

Dieses Verständnis führt oft zu einem sehr liebevollen Annehmen der eigenen Natur.

Nicht im Sinne von „so bin ich eben“, sondern eher:

„Jetzt verstehe ich, was ich brauche – und darf entsprechend handeln.“

Viele Menschen kommen erschöpft ins Retreat… Wie gelingt der Übergang?

Der Übergang passiert nicht durch ein Konzept, sondern durch Erfahrung.

Viele Menschen kommen in meinem Retreat an und sind zunächst noch ganz im Kopf – getragen von Terminen, Verantwortung und innerem Druck.

Selbst wenn der Körper schon müde ist, läuft das System oft noch weiter.

Und dann beginnt etwas sehr Einfaches:

Wir gehen in Bewegung, in den Atem, in die Stille.

Es braucht dabei kein „Ankommen auf Knopfdruck“.

Ich zwinge niemanden, loszulassen – aber ich halte einen Raum, in dem es möglich wird.

Durch die Struktur des Tages, die gemeinsame Zeit in der Gruppe und die wiederkehrenden Rituale entsteht nach und nach etwas sehr Natürliches:

Der Körper beginnt, sich sicher zu fühlen.

Und in diesem Gefühl von Sicherheit passiert der eigentliche Wandel.

Der Atem wird ruhiger, Gedanken werden klarer, der Körper wird wieder spürbar.

Oft ist es kein plötzlicher Moment, sondern ein leiser Übergang.

Und irgendwann entsteht ganz von selbst dieses Gefühl:

Ich darf langsamer werden.

Ich muss gerade nichts leisten.

Ich darf einfach sein.

Welche Rolle spielt Yoga im Vergleich zu Behandlungen?

Ayurvedische Behandlungen wirken von außen – Yoga wirkt von innen.

Yoga gibt den Menschen etwas zurück, das sie behalten können:

eine direkte Verbindung zu sich selbst.

Dabei spielt auch das Verständnis der Doshas eine wichtige Rolle.

Denn nicht jede Form von Bewegung wirkt auf jeden Menschen gleich.

Manche fühlen sich in ruhigen, schließenden Haltungen sofort wohl, andere brauchen eher öffnende, aktivierende Sequenzen.

Für den einen sind Vorbeugen beruhigend, für den anderen können sie sich eher einengend anfühlen – genauso wie Rückbeugen für manche befreiend und für andere zunächst ungewohnt sind.Wenn wir beginnen, unser eigenes Dosha besser zu verstehen, entsteht auch im Yoga eine neue Klarheit:

Wir praktizieren nicht mehr nach einem festen Konzept, sondern orientieren uns daran, was uns in diesem Moment wirklich guttut.

Für mich liegt genau darin die Kraft dieser Kombination:

Behandlungen können Impulse setzen – Yoga ermöglicht es, diese Impulse im eigenen Alltag weiterzuführen.

So entsteht nicht nur kurzfristige Entlastung, sondern ein nachhaltiges Verständnis für den eigenen Körper.

Eine einfache Routine für den Alltag?

Spazieren gehen. Ohne Ablenkung.

Das klingt simpel, ist aber unglaublich wirksam.

Viele unterschätzen, wie sehr unser Nervensystem von Einfachheit profitiert.

Und vielleicht noch etwas ganz Wesentliches:

Im Alltag immer wieder einen Moment innehalten und sich fragen, ob die eigenen Entscheidungen wirklich stimmig sind.

Nicht jede Entscheidung kann eine Herzensentscheidung sein – und das muss sie auch nicht.

Aber die Achtsamkeit dafür zu entwickeln, verändert oft schon sehr viel.

Ayurveda beginnt nicht in der Küche – sondern genau in solchen Momenten.

Wichtigste Erkenntnis zur Ernährung?

Nicht jedes „gesunde“ Lebensmittel ist für jeden Menschen gesund.

Das klingt einfach, verändert aber sehr viel.

Wir haben beispielsweise alle gelernt, dass ein Apfel gesund ist – und das stimmt auch grundsätzlich.

Aber der eine verträgt einen rohen Apfel sehr gut, während er für den anderen schwer verdaulich sein kann.

Für ihn wäre ein gedünsteter Apfel oft die deutlich bekömmlichere Variante.

Und genau daran wird etwas sehr Grundlegendes sichtbar:

Ein Lebensmittel hat nicht für jeden Menschen die gleiche Wirkung.

Im Ayurveda spielt dabei vor allem die Verdauung eine zentrale Rolle.

Es geht nicht nur darum, was wir essen, sondern was wir tatsächlich verarbeiten können.

Oder anders gesagt:

Wir sind nicht nur das, was wir essen – sondern das, was wir verdauen.Wenn wir beginnen, das zu verstehen, entsteht wieder ein ganz anderer Zugang zum eigenen Körper.

Wir lernen, unsere Verdauung besser nachzuvollziehen und die Reaktionen unseres Körpers einzuordnen.

Für mich geht es in der Ernährung deshalb nicht um Regeln oder Verbote, sondern um Verständnis und Bewusstsein.

Nicht dogmatisch zu essen, sondern so, dass es wirklich zu uns passt.

Was verändert sich nach wenigen Tagen Retreat?

Es wird nicht nur ruhiger – es wird klarer.

Viele meiner TeilnehmeInnen und Kunden beginnen, sich selbst wieder besser wahrzunehmen.

Nicht im Sinne von „ich muss etwas verändern“, sondern eher:

„Ich verstehe, was in mir passiert.“

Der Körper wird deutlicher spürbar, Bedürfnisse werden klarer, und Entscheidungen entstehen weniger aus Stress oder Druck heraus, sondern aus einem stimmigeren Gefühl für sich selbst.

Oft fällt auch auf, wie sehr wir im Alltag von äußeren Erwartungen geprägt sind.

Im Retreat entsteht erstmals wieder ein Raum, in dem dieser Druck leiser wird – und dadurch ein anderes Verständnis für sich selbst möglich wird.

Ganz konkret zeigt sich das auch körperlich:

Viele schlafen besser, fühlen sich ausgeglichener und insgesamt stabiler.

Und aus diesem Verständnis heraus entsteht etwas sehr Natürliches:

eine Form von Leichtigkeit, die nicht gemacht ist, sondern einfach entsteht.

Warum Giardino Ascona?

Das Giardino Ascona ist für mich ein ganz besonderer Ort, weil hier spürbar wird, dass Gesundheit nicht nur angeboten, sondern bewusst gestaltet wird.

Die Verbindung aus mediterranem Garten, der unmittelbaren Nähe zum Lago Maggiore und der sehr klaren, ästhetischen Architektur schafft eine Atmosphäre, die sofort entschleunigt, ohne künstlich zu wirken.

Was ich besonders schätze, ist die Haltung des Hauses:

Es geht nicht um Verzicht oder Strenge, sondern um Genuss, Qualität und Bewusstsein – eine Philosophie, die sich auch in der Kulinarik und im Spa-Bereich widerspiegelt.

Genau diese Verbindung passt sehr zu meinem Ansatz im Ayurveda:

nicht dogmatisch, sondern alltagstauglich, genussvoll und gleichzeitig tiefgehend.

Für meine Arbeit ist das entscheidend, weil der Raum immer mitwirkt –

und im Giardino entsteht ganz selbstverständlich das Gefühl, zur Ruhe zu kommen, ohne dass man sich dafür anstrengen muss.

Ayurveda & Longevity – warum gerade jetzt?

Der Begriff Longevity ist heute in aller Munde – doch im Kern beschreibt er etwas, das im Ayurveda seit Jahrtausenden verankert ist.

Bereits in den klassischen Texten wie der Charaka Samhita wurde die Frage behandelt, wie wir ein langes, gesundes und erfülltes Leben führen können.

In diesem Sinne ist Longevity kein neuer Ansatz, sondern eine moderne Begrifflichkeit für ein sehr altes Wissen.

Ayurveda versteht Gesundheit dabei nicht als Optimierung, sondern als Beziehung.

Eine Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Körper und zum eigenen Geist.

Es geht nicht darum, den Körper ständig zu verbessern, sondern ihn zu verstehen.

Zu erkennen, was ihn stärkt, was ihn aus dem Gleichgewicht bringt – und wie wir im Alltag damit umgehen.

Dass heute neue Begriffe wie Longevity entstehen, ist für mich kein Widerspruch, sondern eher ein Zeichen dafür, dass wir wieder beginnen, uns mit genau diesen Fragen zu beschäftigen.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt:

Nicht, wie lange wir leben – sondern wie bewusst wir es tun.