{"id":4676,"date":"2019-03-03T16:34:51","date_gmt":"2019-03-03T15:34:51","guid":{"rendered":"https:\/\/giardinohotels.ch\/fruehling-im-tessin\/"},"modified":"2025-01-30T19:16:39","modified_gmt":"2025-01-30T18:16:39","slug":"fruehling-im-tessin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/giardinohotels.ch\/de\/fruehling-im-tessin\/","title":{"rendered":"Fr\u00fchling im Tessin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Fru\u0308hling im Tessin ist lang und intensiv. Kaum ist er zu Ende, da steht er auch schon wieder vor der Tu\u0308r. Wie sch\u00f6n! Denn die Landschaft ger\u00e4t dann unter Kitschverdacht \u2013 mit blauer See, weissen Bergen und bunter Blu\u0308tenpracht. Ein Text von Elsemarie Maletzke.<\/strong><\/p>\n<p>Der G\u00e4rtner und Gemeinderat Fritz Zollinger fragte nicht lange, was seine Stadt Locarno mit der Bauschuttdeponie am Lago Maggiore vorhatte. Er nahm den Spaten und begann nach eigenem Gutdu\u0308nken, Kamelien zu pflanzen: einfache Sorten, rote und weisse entlang der Strasse. Immergru\u0308n statt Dreck. Als Zimmer- oder Balkonpflanze ist die Kamelie eine heikle Tussi, die auf jeden Formfehler mit dem Abwurf ihrer Knospen antwortet, aber am Lago Maggiore wirkt sie vollkommen entspannt und geradezu leutselig. \u00abHier ist die Kamelie glu\u0308cklich\u00bb, sagt Verena Pedrotta, Floristin und Tochter des ehemaligen G\u00e4rtners, als sie durch den Parco delle Camelie fu\u0308hrt, der heute auf zehntausend Quadratmetern den Stolz von Locarno darstellt.<\/p>\n<p>Als Locarno 1990 fu\u0308r den Internationalen Kamelienkongress 2005 nominiert wurde, legte man richtig los und setzte noch einmal fu\u0308nfhundert junge Pflanzen: gestreift, gefleckt, gefu\u0308llt und ungefu\u0308llt, anemonen- und p\u00e4onienartige Sorten mit Blu\u0308ten wie aus Porzellan oder speckiger Seide und manche so gross, dass man sie nur mit beiden H\u00e4nden umfassen kann. Unter den Platanen am See geniesst Camellia japonica ein erlesenes Mikroklima: Schatten, Frostfreiheit, sauren Boden, feuchte Frische. Manche duften sogar; das sind die eher unscheinbaren. Die grossen Ku\u0308hlen lassen sich nicht zu Geru\u0308chen herab, wie fein auch immer.<\/p>\n<p><strong>Unter Kitschverdacht<\/strong><br \/>\nDie glu\u0308ckliche Camellia japonica passt gut in diesen l\u00e4chelnden Schweizer Landstrich um den n\u00f6rdlichen Zipfel des Lago Maggiore: Locarno und Ascona auf der einen, Gambarogno auf der anderen Seite. Im Fru\u0308hling ger\u00e4t die Gegend unter leichten Kitschverdacht. Vom botanischen Garten in Vairano blickt man durch die von S\u00e4ulenzypressen gerahmte Blu\u0308tenpracht auf den funkelnden See, das gru\u0308ne Maggia-Delta und die verschneiten Alpengipfel. Die Natur und der G\u00e4rtner Otto Eisenhut haben an dieser steilen Stelle farblich alles gegeben: flammende Azaleen, zartlila Glyzinien, rosa Kamelien und vierhundertfu\u0308nfzig Magnolienb\u00e4ume, darunter eine seltene gelbe Sorte. Alles ist zu einem lichten Dschungel zusammengewachsen, in den man auf Rindenpfaden hinabsteigt.<\/p>\n<p>Auch die St\u00e4dte am gegenu\u0308berliegenden Ufer sind gewachsen und dabei ausser Fasson geraten. Locarno sonnt sich im goldenen Abglanz legend\u00e4rer Existenzen und dem etwas grelleren Licht neuen Reichtums. Auf der Piazza Grande, dem Austragungsort des internationalen Filmfestivals, stehen hundertsechzig Jahre alte Kamelienb\u00e4ume, die ihr weisses und rotes Blu\u0308tenkleid aufs Pflaster fallen lassen, noch im Vergehen unbeirrbar elegant und verschwenderisch.<\/p>\n<p><strong>Die Brissago-Inseln<\/strong><br \/>\nVon den Kamelien ist es nur ein kurzer gedanklicher Schlenker zur Baronin Antoinetta Saint-L\u00e9ger, einer Dame aus St. Petersburg, Zeitgenossin jener bunten B\u00e4ume auf der Piazza Grande und ihnen m\u00f6glicherweise wesensverwandt. 1885 kaufte sie die beiden Brissago-Inselchen, die ein paar Kilometer weiter su\u0308d\u00f6stlich vor Porto Ronco im Lago Maggiore liegen. Madame Saint-L\u00e9ger war eine Meisterin der grossen Geste. Nicht nur warf sie ihr Verm\u00f6gen zum Fenster hinaus, als sie unvorstellbare Ladungen guter Erde auf die Felsbuckel transportieren, Zypressen, Palmen, Baumfarne, Rhododendren, Eukalyptusb\u00e4ume, Magnolien, Mimosen, Bambus und Zitrusfru\u0308chte pflanzen liess. Sie finanzierte auch wahnsinnige Unternehmen wie die Gewinnung von \u00d6l aus Heuschrecken und Alkohol aus Torf bis zum bitteren Ende. Als 1927 nichts mehr auszugeben war und sie Brissago verkaufen musste, richtete ihr der neue Besitzer, der Hamburger Kaufhaustycoon, Max Emden, eine Mu\u0308hle am Ufer von Ronco als Altersasyl ein. Von dort konnte sie ihre geliebten Inseln betrachten.<\/p>\n<p>Was Madame sah, war der Bau einer klassizistischen Villa mit Arkaden und Balustraden und einer Reihe von Statuen auf dem Dach. Was sie nicht sah, aber wovon bald jeder sprach, war das Treiben hinter den Mimosenhecken. Emden lud jede Menge junger Frauen auf seine Insel ein, die im Lichtkleid, wie fortschrittliche Kreise damals das fehlende Textil nannten, durch die Botanik sprangen. Im ehemaligen Gemu\u0308segarten der Baronin auf einer Terrasse u\u0308ber dem See entstand ein von Mauern gerahmtes \u00abr\u00f6misches Bad\u00bb, und das Bild, das sich die Nachwelt von Brissago macht, ist das Foto dreier gut gebr\u00e4unter M\u00e4dchen, von denen sich zwei nackt mit neckisch zusammengedru\u0308ckten Knien und verschraubten Ru\u0308cken u\u0308ber ein Gel\u00e4nder im offenen Mauerbogen neigen, auf den See und nach Ascona schauend. Bundeskanzler Konrad Adenauer, der fu\u0308nfundzwanzig Jahre sp\u00e4ter auf dem nahen Monte Verit\u00e0 Urlaub machte, posierte in Hut, Stock und \u00dcberzieher vor demselben Gel\u00e4nder und nannte den Blick durch den Mauerbogen \u00abeine der sch\u00f6nsten Aussichten Europas\u00bb. Heute ist Brissago der botanische Garten des Kantons Tessin. Zwischen den majest\u00e4tischen Erbstu\u0308cken der Baronin gedeihen 1\u2019600 Pflanzen aus fu\u0308nf Kontinenten, von der gebirgigen Magnolia grandiflora bis zum winzigen blauen Leinkraut im Rasen.<\/p>\n<p><strong>Maler und Literaten<\/strong><br \/>\nZusammen mit dem deutschen Bankier und Kunstsammler Eduard von der Heydt brachte Max Emden den Fremdenverkehr im Fischerdorf Ascona auf Trab. Die beiden gru\u0308ndeten den Golfplatz am See, und w\u00e4hrend Emden mit \u00abInselm\u00e4dchen\u00bb, die er auf der Ku\u0308hlerhaube seines Wagens spazieren fuhr, den eher erotisch interessierten Touristen ansprach, wirkte von der Heydt auf dem Monte Verit\u00e0 u\u0308ber Ascona als Gastgeber der Edlen und Geistreichen. Zwanzig Jahre zuvor hatte der Hu\u0308gel Anarchisten, Utopisten, Sexualbolschewisten und Rohk\u00f6stler angelockt. In Locarno liessen sich die Maler nieder, in Ascona die Schwabinger Literaten-Boh\u00e8me. 1913 er\u00f6ffnete der T\u00e4nzer Rudolf von Laban seine \u00abSommerschule fu\u0308r Bewegungsku\u0308nstler\u00bb, die Keimzelle des deutschen Ausdruckstanzes. Im Dorf grinste man u\u0308ber die \u00abBalabi\u00f2tt\u00bb, die Nackten, die auf dem Berg herumhu\u0308pften.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3172\" aria-describedby=\"caption-attachment-3172\" style=\"width: 207px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3172 size-medium\" src=\"https:\/\/giardinohotels.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/IB_S_06_grande_CMYK-4-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" title=\"\"><figcaption id=\"caption-attachment-3172\" class=\"wp-caption-text\">Brissago-Inseln: Hedonismus am \u00abr\u00f6mischen Bad\u00bb (ca. 1930).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Text ist geku\u0308rzt und erschien <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/reise\/idylle-in-tessin-kameliendamen-und-sexualbolschewisten-12926535.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">in voller L\u00e4nge<\/a> in der \u00abFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u00bb.<\/p>\n<p>Das Hotel zur Story:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/giardinohotels.ch\/ascona\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">Hotel Giardino Ascona, Ascona<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fru\u0308hling im Tessin ist lang und intensiv. 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