Giardino Seerose
März 3, 2019
Reisetipp

Frühling im Tessin

Der Frühling im Tessin ist lang und intensiv. Kaum ist er zu Ende, da steht er auch schon wieder vor der Tür. Wie schön! Denn die Landschaft gerät dann unter Kitschverdacht – mit blauer See, weissen Bergen und bunter Blütenpracht. Ein Text von Elsemarie Maletzke.

Der Gärtner und Gemeinderat Fritz Zollinger fragte nicht lange, was seine Stadt Locarno mit der Bauschuttdeponie am Lago Maggiore vorhatte. Er nahm den Spaten und begann nach eigenem Gutdünken, Kamelien zu pflanzen: einfache Sorten, rote und weisse entlang der Strasse. Immergrün statt Dreck. Als Zimmer- oder Balkonpflanze ist die Kamelie eine heikle Tussi, die auf jeden Formfehler mit dem Abwurf ihrer Knospen antwortet, aber am Lago Maggiore wirkt sie vollkommen entspannt und geradezu leutselig. «Hier ist die Kamelie glücklich», sagt Verena Pedrotta, Floristin und Tochter des ehemaligen Gärtners, als sie durch den Parco delle Camelie führt, der heute auf zehntausend Quadratmetern den Stolz von Locarno darstellt.

Als Locarno 1990 für den Internationalen Kamelienkongress 2005 nominiert wurde, legte man richtig los und setzte noch einmal fünfhundert junge Pflanzen: gestreift, gefleckt, gefüllt und ungefüllt, anemonen- und päonienartige Sorten mit Blüten wie aus Porzellan oder speckiger Seide und manche so gross, dass man sie nur mit beiden Händen umfassen kann. Unter den Platanen am See geniesst Camellia japonica ein erlesenes Mikroklima: Schatten, Frostfreiheit, sauren Boden, feuchte Frische. Manche duften sogar; das sind die eher unscheinbaren. Die grossen Kühlen lassen sich nicht zu Gerüchen herab, wie fein auch immer.

Unter Kitschverdacht
Die glückliche Camellia japonica passt gut in diesen lächelnden Schweizer Landstrich um den nördlichen Zipfel des Lago Maggiore: Locarno und Ascona auf der einen, Gambarogno auf der anderen Seite. Im Frühling gerät die Gegend unter leichten Kitschverdacht. Vom botanischen Garten in Vairano blickt man durch die von Säulenzypressen gerahmte Blütenpracht auf den funkelnden See, das grüne Maggia-Delta und die verschneiten Alpengipfel. Die Natur und der Gärtner Otto Eisenhut haben an dieser steilen Stelle farblich alles gegeben: flammende Azaleen, zartlila Glyzinien, rosa Kamelien und vierhundertfünfzig Magnolienbäume, darunter eine seltene gelbe Sorte. Alles ist zu einem lichten Dschungel zusammengewachsen, in den man auf Rindenpfaden hinabsteigt.

Auch die Städte am gegenüberliegenden Ufer sind gewachsen und dabei ausser Fasson geraten. Locarno sonnt sich im goldenen Abglanz legendärer Existenzen und dem etwas grelleren Licht neuen Reichtums. Auf der Piazza Grande, dem Austragungsort des internationalen Filmfestivals, stehen hundertsechzig Jahre alte Kamelienbäume, die ihr weisses und rotes Blütenkleid aufs Pflaster fallen lassen, noch im Vergehen unbeirrbar elegant und verschwenderisch.

Die Brissago-Inseln
Von den Kamelien ist es nur ein kurzer gedanklicher Schlenker zur Baronin Antoinetta Saint-Léger, einer Dame aus St. Petersburg, Zeitgenossin jener bunten Bäume auf der Piazza Grande und ihnen möglicherweise wesensverwandt. 1885 kaufte sie die beiden Brissago-Inselchen, die ein paar Kilometer weiter südöstlich vor Porto Ronco im Lago Maggiore liegen. Madame Saint-Léger war eine Meisterin der grossen Geste. Nicht nur warf sie ihr Vermögen zum Fenster hinaus, als sie unvorstellbare Ladungen guter Erde auf die Felsbuckel transportieren, Zypressen, Palmen, Baumfarne, Rhododendren, Eukalyptusbäume, Magnolien, Mimosen, Bambus und Zitrusfrüchte pflanzen liess. Sie finanzierte auch wahnsinnige Unternehmen wie die Gewinnung von Öl aus Heuschrecken und Alkohol aus Torf bis zum bitteren Ende. Als 1927 nichts mehr auszugeben war und sie Brissago verkaufen musste, richtete ihr der neue Besitzer, der Hamburger Kaufhaustycoon, Max Emden, eine Mühle am Ufer von Ronco als Altersasyl ein. Von dort konnte sie ihre geliebten Inseln betrachten.

Was Madame sah, war der Bau einer klassizistischen Villa mit Arkaden und Balustraden und einer Reihe von Statuen auf dem Dach. Was sie nicht sah, aber wovon bald jeder sprach, war das Treiben hinter den Mimosenhecken. Emden lud jede Menge junger Frauen auf seine Insel ein, die im Lichtkleid, wie fortschrittliche Kreise damals das fehlende Textil nannten, durch die Botanik sprangen. Im ehemaligen Gemüsegarten der Baronin auf einer Terrasse über dem See entstand ein von Mauern gerahmtes «römisches Bad», und das Bild, das sich die Nachwelt von Brissago macht, ist das Foto dreier gut gebräunter Mädchen, von denen sich zwei nackt mit neckisch zusammengedrückten Knien und verschraubten Rücken über ein Geländer im offenen Mauerbogen neigen, auf den See und nach Ascona schauend. Bundeskanzler Konrad Adenauer, der fünfundzwanzig Jahre später auf dem nahen Monte Verità Urlaub machte, posierte in Hut, Stock und Überzieher vor demselben Geländer und nannte den Blick durch den Mauerbogen «eine der schönsten Aussichten Europas». Heute ist Brissago der botanische Garten des Kantons Tessin. Zwischen den majestätischen Erbstücken der Baronin gedeihen 1’600 Pflanzen aus fünf Kontinenten, von der gebirgigen Magnolia grandiflora bis zum winzigen blauen Leinkraut im Rasen.

Maler und Literaten
Zusammen mit dem deutschen Bankier und Kunstsammler Eduard von der Heydt brachte Max Emden den Fremdenverkehr im Fischerdorf Ascona auf Trab. Die beiden gründeten den Golfplatz am See, und während Emden mit «Inselmädchen», die er auf der Kühlerhaube seines Wagens spazieren fuhr, den eher erotisch interessierten Touristen ansprach, wirkte von der Heydt auf dem Monte Verità über Ascona als Gastgeber der Edlen und Geistreichen. Zwanzig Jahre zuvor hatte der Hügel Anarchisten, Utopisten, Sexualbolschewisten und Rohköstler angelockt. In Locarno liessen sich die Maler nieder, in Ascona die Schwabinger Literaten-Bohème. 1913 eröffnete der Tänzer Rudolf von Laban seine «Sommerschule für Bewegungskünstler», die Keimzelle des deutschen Ausdruckstanzes. Im Dorf grinste man über die «Balabiòtt», die Nackten, die auf dem Berg herumhüpften.

Brissago-Inseln: Hedonismus am «römischen Bad» (ca. 1930).

Der Text ist gekürzt und erschien in voller Länge in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Das Hotel zur Story:
Hotel Giardino Ascona, Ascona